
Podiumsdiskussion und Vorstellung des interdisziplinären Wissenschafts-Komitees des Geneva Health Forum-Projekts für eine WHA-Resolution für gesunde Raumluftqualität.
Irène Kostenas* / PW, Bilder: Geneva Health Forum GHF
Globale Allianz für gesunde Raumluft
Gesunde Innenraumluft ist kein Luxus, sondern eine globale Notwendigkeit für unsere Gesundheitssicherheit. Bisher haben sich öffentliche Debatten fast ausschliesslich auf die Aussenluft und den Klimawandel konzentriert, während die Innenraumluft-Qualität völlig vernachlässigt wurde.
Ein historischer Meilenstein für die globale Gesundheit: Im Genfer Campus Biotech trafen sich im Mai 2026 internationale Top-Entscheider zu einer mit dem G7-Siegel ausgezeichneten Konferenz. Ihr Ziel ist nichts Geringeres als eine weltweite Kehrtwende für gesunde Raumluftqualität. [1].
Gesunde Innenraumluft: Von der unterschätzten Gefahr zur globalen Gesundheitsagenda
Den Auftakt machte der belgische Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke mit einem dringenden Appell an die internationale Gemeinschaft: «Wir müssen nicht auf perfektes Wissen warten, bevor wir handeln. Wir haben genügend wissenschaftliche Beweise, um jetzt aktiv zu werden.» Belgien geht mit gutem Beispiel voran und setzt derzeit ein wegweisendes nationales Gesetz um, das eine CO2-Überwachung in allen öffentlich zugänglichen Gebäuden vorschreibt.
Danach beleuchtete Antoine Saint-Denis, Direktor für europäische und internationale Angelegenheiten im französischen Gesundheitsministerium ein kritisches Paradoxon unseres modernen Alltags: «Wir verbringen fast 90?% unseres Lebens in Innenräumen. Dennoch wird die Innenraumluftqualität weitgehend unterschätzt, unzureichend reguliert und ist im öffentlichen Diskurs zu oft abwesend.»
Dabei drängt die Zeit, denn der Klimawandel verschärft das Problem massiv. Bei steigenden Temperaturen wird eine gesunde Innenraumluft laut Saint-Denis zu einem essenziellen Bestandteil der globalen Klimaanpassung. «Die Pandemie hat gezeigt, dass Belüftung, Luftzirkulation und gesunde Gebäude kein Luxus sind, sondern die vorderste Verteidigungslinie für unsere Gesundheitssicherheit», betonte er.
Da Luftverschmutzung jedoch nicht an Grenzen haltmacht, rief er alle Staaten dazu auf, sich der globalen Allianz für gesunde Innenraumluft anzuschliessen. Gleichzeitig warb er für das globale Versprechen für gesunde Raumluft und für eine breite Unterstützung einer zukünftigen Resolution der Weltgesundheitsversammlung (WHA), um das Thema sauberer Raumluft endlich dauerhaft und verbindlich auf der globalen Gesundheitsagenda zu verankern.
Die ehemalige australische Ministeriumsleiterin Prof. Jane Halton, heute Vorsitzende der Koalition für Pandemievorsorge (CEPI) – einer 2017 gegründeten globalen Initiative zur Erforschung, Finanzierung und Entwicklung von Impfstoffen gegen hochriskante Infektionskrankheiten wie Ebola – betonte: «Gesunde Raumluft ist eigentlich kein Nischenproblem. Es ist ein zentrales Problem der Infrastruktur für die öffentliche Gesundheit.»
Wissenschaftliches Fundament: Der Weg zu einer globalen WHA-Resolution
Wie wichtig die internationale und fachübergreifende Zusammenarbeit für dieses Ziel ist, verdeutlichte Andre Henriques, Leiter des Teams für zukünftige Strahlenanlagen und Innenraumluftqualität am CERN. Als Mitglied des neu formierten Internationalen Wissenschaftlichen Komitees des Geneva Health Forum Projekts, skizzierte er die konkrete Roadmap bis Mai 2028, in dem das höchste Entscheidungsgremium der WHO über die Resolution für Raumluft abstimmen wird.
Diese Initiative, die vom Geneva Health Forum ins Leben gerufen wurde, baut auf einer Reihe erfolgreicher Meilensteine auf: von der ersten WHO Europa Innenraumluft-Konferenz in Bern 2023, bis hin zur zweiten Konferenz im Juni 2025 im Senat in Paris, das die Luftqualität in Schulen in den Fokus rückte. Nun steht das rund 20-köpfige Gremium aus weltweiten Experten bereit [2]. Henriques betonte dabei die Notwendigkeit eines multidisziplinären Ansatzes: Neben Spezialisten für Luftqualität bündelt das Komitee auch Experten aus Arbeitsmedizin, Epidemiologie, Atmosphärenchemie und anderen Gebieten um dem komplexen, globalen Problem gerecht zu werden.
«Wir alle wissen, dass es wissenschaftliche Lücken gibt, mit denen wir leben müssen. Aber wir haben heute mehr als genug Evidenz, um zu handeln», stellte er klar. Ziel der Resolution sei es, saubere Luft unumkehrbar als globales öffentliches Gesundheitsanliegen zu verankern.
Das ARIA-Tool: Ein digitaler Schutzschild gegen Viren
Zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation hat Andre Henriques ein innovatives Risikobewertungs-Werkzeug namens «ARIA» entwickelt [3]. Das Tool berechnet anhand wissenschaftlicher Daten, wie hoch das Risiko ist, dass sich Menschen in einem geschlossenen Raum über die Atemluft mit Viren anstecken. Es ermittelt genau, welche Schutzmassnahme für welchen Raum am besten geeignet ist – sei es eine bessere Belüftung, das Tragen von Masken oder eine Kombination aus beidem. «Das Tool zeigt den Menschen ganz konkret, was in ihrem Raum passiert, und gibt ihnen die Kontrolle zurück», erklärte Henriques.
«Bereits bei der Vorbereitung dieser Konferenz kam das Thema der Raumluft ganz konkret auf den Tisch», erklärte Henriques. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, installierte er im Veranstaltungssaal dieselben CO2-Monitore, die auch in den Laboren des CERN zur Mitarbeiterüberwachung genutzt werden. Die live angezeigten Daten machten das unsichtbare Risiko für alle Teilnehmer durch einfache Farbsignale sofort greifbar und beweisen laut Henriques die enorme Aufklärungskraft moderner Messungen.
Anschliessend äusserte sich Katja ?i?, die die Arbeitsgruppe für planetare Gesundheit des Jugendrats der Weltgesundheitsorganisation (WHO Youth Council) leitet – einem Gremium, das der globalen Jugend eine Stimme in der Gesundheitspolitik gibt – und erklärte: «Gesunde Raumluft ist ein Thema, das genau an der Schnittstelle von menschlicher Gesundheit und der globalen Umweltkrise liegt. Gebäude sollten uns eigentlich schützen, statt uns Gefahren auszusetzen. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit junge Menschen in Innenräumen verbringen, wird das Problem unsichtbar. Oft ist das grösste Risiko direkt mit uns im Raum gefangen, während die frische Luft sprichwörtlich an der Haustür stoppt. Wir müssen jetzt handeln, denn durch den Klimawandel wird die Schadstoffbelastung in Innenräumen zu einem immer grösseren Risikofaktor für chronische Krankheiten – und das betrifft nicht nur die heutige Jugend, sondern ganz besonders auch zukünftige Generationen.»
Standards fehlen: Von der Pandemie-Expertise zur Schul-Initiative
Einen unmissverständlichen Blick auf die regulatorischen Defizite warf Dr. Georgia Lagoudas, Biosicherheits-Expertin am Pandemic Center der Brown University. Lagoudas, die während des Ausbruchs der Covid-19-Pandemie im Weissen Haus an Eindämmungsstrategien arbeitete, zeigte sich schockiert über den Status quo in den USA: «Es war für mich völlig inakzeptabel zu sehen, dass wir in den Vereinigten Staaten keinerlei gesundheitsbasierte Standards für die Innenraumluftqualität haben. Unsere Belüftungsraten werden nach Geruch und Komfort bestimmt, nicht nach gesundheitlichen Kriterien.»
Dabei seien die Vorteile sauberer Luft für die kognitive Leistungsfähigkeit und das Herz-Kreislauf-System enorm – besonders für Kinder, die gezwungen sind, viele Stunden in Schulen zu verbringen. Diese Lücke schliesst Lagoudas nun über eine internationale Kooperation mit der Regierung von Montenegro im Rahmen des neu gegründeten «Air Club» [4]. Das dortige Pilotprojekt in Schulen basiert auf drei Säulen: flächendeckende, kostengünstige Luftmessung, gezielte Interventionen (wie Luftreiniger und moderne Lüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung) sowie die Verankerung langlebiger, gesetzlicher Vorgaben.
Das Problem der Fragmentierung: Bürokratie als Hürde und Chance
Ein zentrales Problem bei der Umsetzung sauberer Innenraumluft ist die politische Zersplitterung – oft fühlt sich kein Ministerium allein zuständig. Emmanuel Mandon, Abgeordneter der französischen Nationalversammlung, fand dafür deutliche Worte und verwies auf die komplexe Bürokratie seines Heimatlandes: «Unsere Fragmentierung ist das Ergebnis der Komplexität eines ganzen Systems, einer Bürokratie – und das ist Frankreich.» Die Zuständigkeiten verteilen sich oft über fünf Ebenen: von globalen und supranationalen Rahmenbedingungen über die nationale Politik bis hin zu Regionen, Städten und Kommunen.
Trotz dieser organisatorischen Hürden setzt Mandon auf das «französische Genie» und betonte die Pflicht der Politik, Brücken zu bauen: «Es ist unsere Aufgabe als Gesetzgeber und Abgeordnete, diese Brücke zu schlagen und die Zivilgesellschaft, die Wissenschaft und die öffentliche Verwaltung zusammenzubringen.» Um den Schutz der schwächsten Bürger – insbesondere in Schulen und Pflegeeinrichtungen – zu gewährleisten, müsse das Denken grundlegend vereinfacht und rationalisiert werden.
Ein Schicksal, das aufrüttelt: Die tödliche Realität der Luftverschmutzung
Für den emotionalen Höhepunkt und einen eindringlichen Appell an die Gewissen der Anwesenden sorgte Dr. Rosamund Adoo-Kissi-Debrah, Gründerin und Direktorin der Ella Roberta Foundation in Grossbritannien. Ihr persönliches Schicksal verleiht der Debatte ein unmissverständliches Gesicht: Ihre Tochter Ella Roberta ist der einzige Mensch weltweit, auf dessen Sterbeurkunde Luftverschmutzung offiziell als Todesursache eingetragen ist. «Ein extrem gesundes Kind hatte im Alter von sechs Jahren plötzlich einen der schlimmsten Asthma-Fälle, die je in Grossbritannien dokumentiert wurden», berichtete Adoo-Kissi-Debrah über das jahrelange Leid. Obwohl es in Ellas Fall um die Belastung durch den Aussenraumverkehr nahe einer viel befahrenen Strasse ging, betonte sie anhand von WHO-Daten, dass von den jährlich sieben bis acht Millionen Toten durch Luftverschmutzung fast die Hälfte – rund 3,8 Millionen Menschen – auf das Konto der Innenraumluft geht.
Adoo-Kissi-Debrah sparte nicht mit scharfer Kritik an der politischen Trägheit: «Politiker sind sehr gut darin, Reden zu schwingen, aber wenn es um Taten geht, passiert in meinen Augen sehr wenig». Sie forderte von den Gesundheitsministern eine umfassende öffentliche Aufklärungskampagne, um das Unsichtbare sichtbar zu machen, sowie eine grundlegende Reform der medizinischen Ausbildung. Angehende Pädiater und Geburtshelfer müssten die gesundheitlichen Folgen von Luftschadstoffen verpflichtend im Lehrplan verankert bekommen, da Patienten den Ärzten in Gesundheitsfragen am meisten vertrauen. Covid-19 habe zudem wie ein Brennglas gewirkt: In Regionen mit hoher Luftverschmutzung verliefen die Covid -Erkrankungen nachweislich schwerwiegender. Ihr Appell an die Minister war unmissverständlich: «Hört auf, Milliarden für die nachträgliche Gesundheitsversorgung auszugeben. Reduziert stattdessen die Schadstoffe an der Quelle. Kinder wie Ella müssen nicht sterben».
Der ökonomische Blick und die globale Verantwortung
Anil Soni, CEO der World Health Organisation (WHO) Foundation, beleuchtete das Thema aus der Perspektive der Ressourcenmobilisierung und der globalen Interdependenz. Aus seiner Arbeit für die Klima- und Gesundheitsprogramme der WHO berichtete er von einer gravierenden strategischen Lücke: Bisher habe sich die Debatte fast ausschliesslich auf die Aussenluft und den Klimawandel konzentriert, während die Innenraumluftqualität völlig vernachlässigt wurde. Soni betonte, dass in Zeiten, in denen jeder Dollar, Euro und Franken hart verteidigt werden muss, der Nachweis einer klaren Rendite und damit der finanzielle Nutzen für präventive Gebäudestandards entscheidend sei. Als Vater teilte er zudem ein persönliches Aha-Erlebnis: Während er vor Reisen nach Indien besorgt den Aussenluft-Index (AQI) in Delhi prüfe, stelle sich kaum ein Elternteil die Frage nach der tatsächlichen Luftqualität in den Räumen. Soni fordert deshalb, dass wohlhabende Länder nicht mehr von oben herab auf das Thema blicken, als ginge es nur um Entwicklungshilfe für andere. Stattdessen müssen alle begreifen, dass wir weltweit im selben Boot sitzen: «Das ist ein globales Problem, das eine globale Lösung erfordert – saubere Luft muss in der Schweiz oder den USA genauso umgesetzt werden wie überall sonst auf der Welt».
Die Vorreiterrolle Italiens: Vom Ministerium direkt in den Alltag
Welche enormen praktischen Fortschritte möglich sind, wenn Behörden das Thema zur Chefsache machen, zeigt das Beispiel Italien. Sergio Iavicoli, Generaldirektor für Prävention im italienischen Gesundheitsministerium, machte deutlich, dass der Schutz vor schlechter Luft eine Frage der sozialen Verantwortung und der Gerechtigkeit ist: «Sehr oft sind wir für die Luft verantwortlich, die andere Menschen atmen. Wir suchen uns die Luft, die wir in Schulen, Häusern oder am Arbeitsplatz einatmen, schliesslich nicht aus.» Iavicoli forderte deshalb ein weitaus höheres Bewusstsein in der Öffentlichkeit. Als Beispiel nannte er das radioaktive Edelgas Radon, das sich unsichtbar in Kellern und Wohnungen ansammelt und nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs ist.
Italien hat das Thema Raumluft längst ganz oben auf der politischen Agenda verankert und konzentriert sich besonders auf sensible Bereiche wie Krankenhäuser, Pflegeheime und Schulen. Unterstützt durch die interdisziplinäre Arbeit des nationalen italienischen Gesundheitsinstituts (Istituto Superiore di Sanità) wurden in den letzten Jahren echte strukturelle Veränderungen und umfassende Richtlinien durchgesetzt. Aber auch im Alltag der Bürger setzt das Land Massstäbe: Der italienische Bahnverkehr gilt heute als internationales Vorbild, da in den Hochgeschwindigkeitszügen standardmässig hochwirksame Luftfilter (HEPA-Filter) eingesetzt werden, um Passagiere effektiv vor Viren und Schadstoffen zu schützen.
Nächste Konferenz: 30. Oktober 2026 in Rom – Raumluftqualität in Gesundheitseinrichtungen
Um diesen eingeschlagenen Weg wissenschaftlich und politisch weiter zu untermauern, kündigte Gaetano Settimo vom nationalen italienischen Gesundheitsinstitut (Istituto Superiore di Sanità) direkt den nächsten Meilenstein des Geneva Health Forum Projekts für eine WHO-Resolution für gesunde Raumluft an: Am 30. Oktober 2026 wird in Rom die nächste grosse europäische Fachkonferenz zur Innenraumluftqualität stattfinden [5]. Bei diesem Treffen soll der Fokus ganz gezielt auf der Luftqualität in medizinischen Einrichtungen liegen, um den Austausch zwischen Forschung, Politik und dem praktischen Gesundheitswesen im Kampf gegen Krankheitserreger weiter zu vertiefen.
Ausserordentliches Ereignis Mai 2026
Dass wir bei der globalen Gesundheit alle im selben Boot sitzen, verdeutlichte kürzlich der seltene Hantavirus-Ausbruch auf dem Expeditionsschiff «MV Hondius». Bei diesem Ausbruch der folgenschweren Andes-Variante (ANDV) – dem einzigen bekannten Hantavirus, das von Mensch zu Mensch übertragen werden kann und eine Sterblichkeitsrate von bis zu ca. 30 % aufweist – infizierten sich insgesamt 13 Personen, wovon drei verstarben.
WHO-Europadirektor Dr. Kluge betonte angesichts dieses Hantavirus-Ausbruchs [6], dass bis zur endgültigen Klärung der Unsicherheiten grundlegende Hygienemassnahmen eingehalten werden müssen, wozu ganz entscheidend die Belüftung geschlossener Räume gehört.
Autorin
* Irène Kostenas, Unternehmerin, Grünliberale Partei Zürich (Kreis 1+2), Schweizer Verein für Luft- und Wasserhygiene (SVLW) und Geneva Health Forum (GHF)
Quellen
[1] https://worldhealthassembly2026.genevahealthforum.com/healthy-indoor-air-a-global-call-to-action/
[2] https://improvingindoorairquality.genevahealthforum.com/international-scientific-committee/
[3] https://videos.cern.ch/record/2300007
[5] https://indoorairqualityinhealthcarefacilities.genevahealthforum.com/
[6] https://x.com/hans_kluge/status/2051624226637951356?s=20




